Longevity & AgingForschungsarbeitOpen Access

Atemübungen lösen ähnliche Gehirnveränderungen aus wie Psychedelika, zeigt eine Studie

Erste Neuroimaging-Studie verknüpft intensive Hochventilations-Atemübungen mit messbaren Veränderungen des zerebralen Blutflusses und der autonomen Erregung.

Freitag, 24. Juli 2026 4 Aufrufe
Veröffentlicht in PLoS One
A person lying peacefully in an MRI scanner glowing blue, with translucent brain perfusion maps overlaid showing highlighted amygdala and insula regions

Zusammenfassung

Forscher der University of Sussex nutzten Hirn-MRT und Herzfrequenzüberwachung, um zu untersuchen, was neurologisch während Hochventilations-Atemübungen (HVB) – Praktiken wie Holotropic Breathwork, begleitet von Musik – geschieht. Sie stellten fest, dass die Intensität veränderter Bewusstseinszustände (ASCs), insbesondere Gefühle von Glückseligkeit und Einheit, die als „Ozeanische Grenzenlosigkeit" bezeichnet werden, mit einer reduzierten zerebralen Durchblutung im linken Operculum/posterioren Insula und in der rechten Amygdala/Hippocampus sowie mit erhöhter Aktivität des sympathischen Nervensystems korrelierte. Diese Hirnregionen steuern jeweils die Interozeption und das emotionale Gedächtnis, was darauf hindeutet, dass HVB neurologische Pfade aktivieren könnte, die für die emotionale Heilung relevant sind – was möglicherweise erklärt, warum Anwender von Atemübungen von therapeutischen Vorteilen berichten, die jenen ähneln, die bei psychedelisch-assistierten Therapien beobachtet werden.

Detaillierte Zusammenfassung

Atemübungen, die die Atemfrequenz oder -tiefe erhöhen – häufig begleitet von eindringlicher Musik – gewinnen rasch an Popularität als Werkzeuge zur psychologischen Heilung. Praktizierende berichten regelmäßig von tiefgreifenden subjektiven Erlebnissen, die veränderten Bewusstseinszuständen (ASCs) ähneln, wie sie durch psychedelische Substanzen ausgelöst werden, darunter Gefühle von Euphorie, Glückseligkeit und Ich-Auflösung. Dennoch blieben die neurobiologischen Mechanismen, die diesen Erlebnissen zugrunde liegen, bis heute nahezu vollständig unerforscht.

Diese Studie der Brighton and Sussex Medical School rekrutierte erfahrene Atemübungs-Praktizierende im Rahmen von drei miteinander verbundenen Experimenten: einer ferngesteuerten, häuslichen Sitzung, einer MRT-Neuroimaging-Sitzung und einer psychophysiologischen Laborsitzung. Die Teilnehmer führten eine Hochventilations-Atemübung (HVB) durch, begleitet von Musik, die speziell für Atemzeremonien konzipiert wurde. Die subjektive Erfahrung wurde mit dem validierten 5D-ASC-Fragebogen gemessen, wobei der Fokus auf „Ozeanischer Grenzenlosigkeit" (OBN) lag – einer Dimension, die Glückseligkeit, Einheitsgefühl, Einsichtigkeit und positiv erlebte Depersonalisation erfasst –, da dies das am häufigsten und stärksten berichtete Erlebnisphänomen war.

Der MRT-Arm verwendete die pseudo-kontinuierliche arterielle Spin-Labeling-Methode (pCASL), eine Technik, die den regionalen zerebralen Blutfluss (rCBF) ohne Kontrastmittel quantifiziert und die Messung von Perfusionsveränderungen während tatsächlicher Atemübungen ermöglicht. Der psychophysiologische Arm nutzte die Herzratenvariabilitätsanalyse (HRV), um Verschiebungen im autonomen Nervensystem zu erfassen. Die wichtigsten Erkenntnisse zeigten, dass eine höhere OBN-Intensität signifikant mit einem reduzierten rCBF in zwei spezifischen Hirnregionen korrelierte: dem linken Operculum/posterioren Insula – einer Region, die zentral für interozeptives Bewusstsein und Atemempfindung ist – und der rechten Amygdala/anterioren Hippocampus – Strukturen, die maßgeblich an der Verarbeitung und Regulation emotionaler Erinnerungen beteiligt sind. Höhere OBN-Werte korrelierten zudem mit einer erhöhten kardiovaskulären sympathischen Aktivierung (niedrigere HRV), was darauf hindeutet, dass die Tiefe des veränderten Zustands mit messbarer physiologischer Erregung einhergeht.

Diese Befunde sind mechanistisch kohärent: Hyperventilation verursacht Hypokapnie (reduziertes CO2), zerebralen Vasospasmus und eine veränderte neurometabolische Homöostase. Die regionale Spezifität der Blutflussreduktionen – insbesondere in Bereichen, die die Schnittstelle zwischen Körper und Gehirn sowie das emotionale Gedächtnis steuern – könnte erklären, warum HVB emotional kathartische und transformative Erlebnisse auslösen kann. Die Autoren schlagen vor, dass eine Störung der interozeptiven und limbischen Schaltkreise während HVB einige der Mechanismen widerspiegeln könnte, durch die Psychedelika therapeutische Wirkungen erzielen, wie etwa die Unterbrechung habitueller selbstbezogener Verarbeitung und die Erleichterung der emotionalen Gedächtnisverarbeitung.

Vorbehalte umfassen die geringe Stichprobengröße (ausschließlich erfahrene Praktizierende), das Fehlen einer Kontroll-Atembedingung innerhalb des MRT-Arms sowie die grundsätzliche Schwierigkeit, Neuroimaging während aktiver Atemübungen durchzuführen. Dennoch ist dies die erste Studie, die die subjektive Intensität von HVB-induzierten ASCs direkt mit objektiv gemessenen Veränderungen der zerebralen Perfusion und der autonomen Funktion verknüpft und damit einen neurobiologischen Rahmen für zukünftige Forschungen zur Atemarbeit als therapeutische Modalität bietet.

Wichtigste Erkenntnisse

  • HVB-induced altered states correlated with reduced cerebral blood flow in the left operculum/posterior insula and right amygdala/hippocampus.
  • Greater 'Oceanic Boundlessness' (bliss, unity, depersonalization) was the most prominent and reproducible subjective effect of HVB.
  • Increased cardiovascular sympathetic activation (lower HRV) tracked proportionally with the intensity of altered states experienced.
  • Affected brain regions govern interoception and emotional memory — pathways also implicated in psychedelic-assisted therapies.
  • This is the first study using neuroimaging to map the neural correlates of HVB-induced altered states of consciousness.

Methodik

Die Studie verwendete drei experimentelle Versuchsarme: eine Remote-Atemübungssitzung zur subjektiven Charakterisierung, eine pCASL-MRT-Sitzung zur Messung des regionalen zerebralen Blutflusses während HVB sowie eine psychophysiologische Laborsitzung zur Beurteilung der Herzratenvariabilität. Erfahrene Atemübungspraktiker führten HVB begleitet von Musik durch und füllten nach der Sitzung den validierten 5D-ASC-Fragebogen aus.

Studienlimitierungen

Die Stichprobe bestand ausschließlich aus erfahrenen Atemübungspraktizierenden, was die Übertragbarkeit auf Anfänger oder klinische Populationen einschränkt. Der Studie fehlte eine aktive Kontrollbedingung mit einer anderen Atemtechnik im MRT-Arm, was es schwierig macht, HVB-spezifische Effekte von allgemeiner Entspannung oder Musikexposition zu isolieren. Die Stichprobengrößen waren klein, und die Ergebnisse sollten bis zur Replikation in größeren, kontrollierten Studien als vorläufig betrachtet werden.

Hat dir diese Zusammenfassung gefallen?

Erhalte die neueste Longevity-Forschung jede Woche in deinen Posteingang.

E-Mail-Adresse zum Abonnieren eingeben: